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Sozialstaat - Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht

Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer geworden

(Stand: 08/2008)

"Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet" war das Fazit von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz bei der Vorstellung des 3. Armuts- und Reichtumsberichts. Etwa jeder achte Bundesbürger (13 %) war im Jahr 2005 arm. Ohne Sozialtransfers wie z. B. Wohn- oder Kindergeld wäre es sogar jeder vierte (26 %) gewesen.

Mit dem Bericht "Lebenslagen in Deutschland ? Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht" wird die im Jahr 2001 begonnene, regelmäßige Bestandsaufnahme über die soziale Lage in Deutschland fortgesetzt. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht beschreibt die zentralen Entwicklungen der vergangenen Jahre und stellt die Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung dar. Wie die Vorgängerberichte beschränkt er sich dabei nicht nur auf die Entwicklung von Einkommen und Vermögen, sondern bezieht weitere Lebensbereiche wie beispielsweise Erwerbsbeteiligung, Bildung, Familie, Gesundheitsversorgung und Wohnen ein.

Risiko der Einkommensarmut

Nach der EU-Definition ist "von Armut bedroht", wer über weniger als 60 % des mittleren Nettoeinkommens aller verfügt. Dies waren im Jahr 2005 monatlich 781 Euro netto für Alleinstehende. Hieraus ergibt sich, dass 13 % aller Bundesbürger im Jahr 2005 von Armut bedroht waren. Ohne Sozialtransfers hätte die Armutsrisikoquote 26 % betragen. Zu den besonders gefährdeten Gruppen gehörten Arbeitslose (43 %) und Alleinerziehende (24 %). Die Armutsrisikoquote von Rentnern und Pensionären betrug 13 %.

Andere Statistik ? andere Ergebnisse

 

Diese Ergebnisse basieren auf der EU-weit durchgeführten Statistik "EU-SILC". Der Armuts- und Reichtumsbericht nennt auch die Ergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer weiteren Statistik. Das SOEP kommt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

So lag die Armutsrisikoschwelle für Alleinstehende 2005 nicht bei 781 Euro, sondern 880 Euro. Folglich waren 18 % der Bundesbürger von Armut bedroht; vier Jahre zuvor waren es noch 15 %. Die Armutsrisikoquote bei den Arbeitslosen betrug 2005 sogar 53 %. Dies bedeutet einen Anstieg gegenüber 2001 von 13 Prozentpunkten, was auch auf die Hartz-Gesetze zurückzuführen sein dürfte. ei den Kindern bis 15 Jahren war 2005 jedes Vierte (26 %) arm oder von Armut bedroht.

Welche Zahlen stimmen nun? Die Antwort ist einfach, aber auf den ersten Blick verwirrend: Beide Statistiken liefern korrekte Ergebnisse. Die Unterschiede ergeben sich aus verscheidenden Erhebungs- und Berechnungsmethoden. Jede der beiden Statistiken hat seine Vor- und Nachteile. Die EU-SILC liefert europaweit vergleichbare Ergebnisse, wird jedoch erst seit 2005 jährlich erhoben. Das SOEP hingegen wird schon seit 1984 jährlich erhoben und ermöglicht daher kontinuierliche Zeitvergleiche.

Daten zur Altersarmut

 

Bei den Rentnern und Pensionären waren 2005 13 % arm oder von Armut bedroht. 1998 waren es noch 10 % (SOEP). Die Einkommenssituation von Rentnern und Pensionären wird zusammen betrachtet. Die Armutsrisikoquote von Rentnern wird nicht gesondert ausgewiesen. Ebenso wird nicht untersucht, wie sich die Rentenkürzungen der letzten Jahre auf die materielle Lage der Rentner ausgewirkt haben.

Allerdings nennt der 3. Armuts- und Reichtumsbericht viele Zahlen zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung: 682 000 Menschen waren im Jahr 2006 auf Grundsicherungsleistungen angewiesen. Mehr als die Hälfte von ihnen war 65 Jahre und älter. Seit der Einführung der Grundsicherung ist die Zahl der Leistungsbeziehenden um mehr als 50 % gestiegen.

Reichtumsaspekte

"Reichtum ist ein scheues Wild" hieß es in einem Antrag, mit dem der Deutsche Bundestag die Armuts- und Reichtumsberichterstattung im Jahr 1999 auf den Weg gebracht hat. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass Reichtum und seine Ursachen ? im Gegensatz zur Armut ? weitgehend unbekannte Größen sind. Hieran hat sich auch im 3. Armuts- und Reichtumsbericht nicht viel geändert. Wenngleich es einige neue Erkenntnisse im Hinblick auf Reichtum und privilegierte Lebenslagen gibt, sind die verfügbaren Daten immer noch überaus spärlich.

Einkommens- und Vermögensreichtum

 

Als reich gilt, wer als Alleinstehender über 200 % des mittleren Nettoeinkommens verfügt. Auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2003 (EVS 2003) lag die Reichtumsschwelle für Alleinstehende bei einem Nettoeinkommen von 3.268 Euro pro Monat. Für einen Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren betrug sie monatlich 6.863 Euro.

Lässt man das Vermögen unberücksichtigt und betrachtet man nur das Einkommen, dann gelten 6,4 % der gesamten Bevölkerung in Deutschland als reich. Bei den Selbstständigen ist jeder Vierte (25,5 %) reich und bei den Beamten immerhin fast jeder Achte (12,1 %).

Bei den Reichtumsquoten wird auch der Unterschied zwischen Rentnern und Pensionären deutlich: Während die Reichtumsquote bei Rentnern mit 3,6 % deutlich unter dem Durchschnitt lag, war sie bei Pensionären mit 15,6 % fast fünfmal höher als bei Rentnern.

 

Vermögensverteilung und sonstige Reichtumsaspekte

 

Eines der zentralen Ergebnisse des letzten Armuts- und Reichtumsberichts war die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland. Die unteren 50 % der Haushalte verfügten 2003 über etwas weniger als 4 % des gesamten Nettovermögens. Die reichsten zehn Prozent hingegen konnten knapp 47 % des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen. Ihr Anteil wuchs gegenüber 1998 um 2 Prozentpunkte.

Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht liefert hier keine neuen Daten. Auch andere Reichtumsaspekte, wie z. B. der privilegierte Zugang zu Bildung und Spitzenpositionen, die Rolle der sozialen Herkunft und die Durchlässigkeit von elitären Gesellschaftsbereichen werden nicht ausreichend beleuchtet. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

 

Erwerbsarbeit und Einkommensentwicklung

Die Bruttolöhne je Arbeitnehmer sind zwischen 2002 und 2005 real von durchschnittlich 24.873 Euro auf 23.684 Euro gesunken. Dies entspricht einem Rückgang von 4,8 %. Gleichzeitig hat die Ungleichverteilung der Einkommen in Deutschland zugenommen. Beunruhigend sind auch die Ergebnisse zur Erwerbsarbeit. Niedriglohnbeschäftigung und so genannte flexible Beschäftigungsformen (z. B. Selbstständigkeit, geringfügige Beschäftigung und Leiharbeit) sind gestiegen.

Die Mittelschicht schrumpft

 

Eine wachsende Spreizung der Einkommen ist vor allem beim Übergang des Jahres 2004 auf 2005 zu verzeichnen: Sowohl der Anteil der Personen mit einem Einkommen am unteren Rand der Verteilung als auch der Anteil der Personen mit Einkommen am oberen Rand der Verteilung sind gestiegen. Die "Mittelschicht", also die mittlere Einkommensgruppe, ist dagegen geschrumpft. Ihr Anteil ging zwischen 2002 und 2005 auf unter 50 % zurück.

 

Niedriglohn und "flexible Beschäftigungsformen" auf dem Vormarsch

 

Nach dem 3. Armuts- und Reichtumsbericht wird zum Niedriglohnbereich gezählt, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttolohns verdient. Für das Jahr 2005 wird die (brutto) Niedriglohnschwelle mit 20.089 Euro beziffert. Der Anteil der Niedriglohnbezieher betrug im gleichen Jahr 36,4 %. Im Jahr 2002 waren es mit 35,5 % noch etwas weniger.

Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten ("Minijobber") ist von 3,6 Mio. im Jahr 1999 auf mehr als 4,8 Mio. im vergangenen Jahr gestiegen. Der überwiegende Teil der ausschließlich geringfügig Beschäftigten sind Frauen.

Die Zahl der Selbstständigen ist im gleichen Zeitraum von rund 3,9 Mio. auf 4,5 Mio. gestiegen. Auch bei den Leiharbeitnehmern war ein starker Anstieg zu verzeichnen. Ihre Zahl wuchs von Ende 2003 bis Mitte 2007 um über 120 % auf mehr als 730.000.

 

Armut und soziale Ausgrenzung in weiteren Lebensbereichen

Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht beschreibt die Risiken für Armut und soziale Ausgrenzung auch in anderen Lebensbereichen, wie zum Beispiel Bildung, Familie und Kinder, gesundheitliche Situation und Pflegebedürftigkeit, Wohnen. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit den Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen.

Familie und Kinder

 

Auf Basis der Statistik EU-SILC beträgt die Armutsquote von Kindern bis 15 Jahren 12 % (26 % auf Basis der Datenbasis SOEP). Das Armutsrisiko von Kindern hängt stark von der Erwerbsbeteiligung der Eltern ab. Denn mit der Aufnahme einer Vollzeitbeschäftigung durch ein oder mehrere erwerbsfähige Haushaltsmitglieder sinkt die Armutsgefährdung von Haushalten mit Kindern von 48 % auf unterdurchschnittliche 8 % bzw. 4 %.

Wohnen

 

Die Bruttokaltmieten sind von 1998 bis 2006 pro Jahr um durchschnittlich 1,1 % gestiegen. Infolge der zwischen 2002 und 2006 stark gestiegenen Energiepreise wurden die Wohnnebenkosten zu einer zunehmenden finanziellen Belastung vor allem für einkommensschwache Haushalte. Armutsgefährdete Menschen sind in ihrem Wohnumfeld wesentlich stärkeren Belastungen z. B. durch Straßenverkehr, Lärm und verkehrsbedingte Luftschadstoffe ausgesetzt. Insbesondere für Kinder bedeuten diese Faktoren eine hohe Gesundheitsgefährdung.

 

 

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht liefert wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Entwicklung der sozialen Lage in Deutschland. Hier sind die wichtigsten Ergebnisse:

 

  • Nach der Statistik EU-SILC lag die Armutsschwelle für Alleinstehende 2005 bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 781 Euro. Nach der Statistik SOEP betrug sie 880 Euro. Die unterschiedlichen Werte sind Folge verschiedener Erhebungs- und Berechnungsmethoden.
  • Laut EU-SILC waren 13 % der Menschen in Deutschland arm oder von Armut bedroht. Das SOEP beziffert die Armutsrisikoquote auf 18 % und verdeutlicht darüber hinaus, dass die Armutsrisikoquote seit 1998 kontinuierlich gestiegen ist.
  • Zu den besonders von Armut gefährdeten Gruppen gehören Arbeitslose und Alleinerziehende. Nach EU-SILC waren im Jahr 2005 43 % der Arbeitslosen arm oder von Armut bedroht. Bei den Alleinerziehenden waren es 24 %. Das SOEP beziffert die Armutsrisikoquote von Arbeitslosen im Jahr 2005 mit 53 %. Im Jahr 2001 (vor den Hartz-Reformen) lag sie noch bei 40 %.
  • Seit der Einführung der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung ist die Zahl der Leistungsbezieher um mehr als 50 % gestiegen und beträgt heute rund 680.000. Die Armutsrisikoquote bei Rentnern und Pensionären ist seit 1998 leicht gestiegen und lag 2005 bei 13 %.
  • Die Armutsquote von Kindern bis 15 Jahren betrug im Jahr 2005 laut EU-SILC 12 % (26 % laut SOEP).
  • Im Jahr 2003 betrug die Reichtumsquote in Deutschland 6,4 %. Als reich gilt, wer als Alleinstehender über ein Nettoeinkommen von mehr als 3.268 Euro pro Monat verfügt. Die Reichtumsquote der Rentner lag mit 3,6 % deutlich unter dem Durchschnitt. Die Reichtumsquote der Pensionäre war mit 15,6 % fast fünfmal so hoch wie die der Rentner.
  • Die Bruttolöhne sind zwischen 2002 und 2005 real um 4,8 % zurückgegangen. Gleichzeitig hat die Ungleichverteilung und Spreizung der Einkommen zugenommen. Die Mittelschicht, d. h. die mittleren Einkommensgruppen, ist um drei Prozentpunkte auf unter 50 % geschrumpft.
  • Niedriglohn und "flexible Beschäftigungsformen" sind auf dem Vormarsch. 2005 waren mehr als 36 % aller Erwerbstätigen im Niedriglohnbereich beschäftigt. Ihr Einkommen betrug weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttolohns. Die so genannten flexiblen Beschäftigungsformen wie geringfügige Beschäftigung, Selbstständigkeit und Leiharbeit sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen.

  

Bewertung des SoVD

Der SoVD hat zu dem 3. Armuts- und Reichtumsbericht umfassend Stellung genommen. Die Kernaussagen der Stellungnahme sind:

  • Ein regelmäßiger Armuts- und Reichtumsbericht auf Bundesebene ist unverzichtbar. Er muss die unterschiedlichen Lebenslagen von Armut und Reichtum schonungslos offen legen und darauf ausgerichtet sein, Lösungsansätze für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu finden.
  • Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht verdeutlicht, dass die wachsende Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich weiter vorangeschritten ist. Die Ungleichverteilung der Einkommen ist gewachsen. Selbst eine Erwerbstätigkeit bietet immer weniger Schutz vor Armut.
  • Der Sozialstaat trägt mit seinen Transferleistungen zu einer Reduzierung von Einkommensarmut bei. Allerdings gibt es deutliche Hinweise, dass die armutsreduzierende Wirkung des Sozialstaats in den letzten Jahren geringer geworden ist.

Weitere Informationen im Internet:

Die vollständige SoVD-Stellungnahme finden Sie unter www.sovd.de/1301.0.html und am Ende des Textes als barrierefreie PDF-Datei (129 kB).

Den 3. Armuts- und Reichtumsbericht als Bundestags-Drucksache 16/9915 finden Sie als PDF-Datei (4 MB) unter dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/099/1609915.pdf.

Die Anschriften der SoVD-Landes- und Kreisverbände finden Sie auch auf unserer Internetseite unter www.sovd.de.

 

Download des Dokuments als PDF-Datei [425 kB]




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